von Tim Körbächer

Ein Bericht von Leon Alisch, erschienen in der Gießener Allgemeine vom 05.02.2026

Pyramiden, Stunts und MilkyWays: Ein Besuch bei den Cheerleadern des GTC74

Das Team CosmicForce zeigt eine Pyramide. Foto: Leon Alisch

Seit 2019 hat der Gießener Tanz-Club 74 eine Cheersport-Abteilung. In den vergangenen Jahren ist diese stetig gewachsen, die Faszination für den Teamsport mit Risikocharakter wächst. Dabei geht alles auf die Idee zweier Teenager zurück.
Man sieht der Halle im Bachweg 28 an, dass hier sonst Standard, Salsa oder Rock  ’n’  Roll getanzt werden. Parkettboden, Spiegel an den Wänden, Pokale in den Regalen und ein gelb-grüner Stich. Die lila Outfits der Kinder und Jugendlichen, der Schriftzug „Galaxy“ und der Glitzer – sie sind ein Kontrast zu jenem Zweck, den diese Räumlichkeiten ursprünglich erfüllen.
Zwölf Kinder sind zum Training an diesem Freitagnachmittag da. Matten werden ausgerollt, auf der Fensterbank stehen die Trinkflaschen, darunter ein paar Stanley-Cups, um 16 Uhr beginnt das Aufwärmen. 30 Minuten gründliches Bewegen, Räder schlagen, Dehnen.
Man mache sich immer gut warm, absolviere viel Prävention, damit sich niemand verletze, sagt Trainerin Daniela Neumann und deutet auf die großen schwarzen Blöcke, die im Vorstandszimmer in der Ecke stehen. Mit diesen absolviere man Sprünge zur Stärkung der Muskulatur. Neben dem langen Holztisch und den Bürostühlen wirken auch diese wie Fremdkörper in der Vereinsstube des Gießener Tanz-Club 74.

Am Anfang noch ohne Matten

Aber die Geschichte, wie die Cheerleader in den Tanzverein kamen, ist eigentlich ganz einfach. 2019, mit 16 Jahren, trainierte Neumann zusammen mit Vivien-Noelle Becker noch die Kids beim MTV 1846 Gießen. Im Verein gab es so ein paar Unstimmigkeiten, und beide „wollten Dinge anders machen, nicht mehr auf andere angewiesen sein“. Über die Eltern von Kindern, die sie trainierten, ergab sich die Möglichkeit, zum GTC 74 zu gehen. Die nutzten sie – und gründeten als Teenager ihre eigene Abteilung.

Auch synchrone Sprünge gehören zum Portfolio des Cheerleadings. Foto: Leon Alisch

Der Beginn sei schwer gewesen. „Wir hatten nichts. Am Anfang haben wir den Boden abgeklebt mit Kreppband, um Matten zu symbolisieren für Aufstellungen. Es war wirklich eine Katastrophe“, erzählt die heute 23-jährige Gießenerin. Aber der Mut, den beide damals bewiesen, zahlte sich aus. Die MilkyWays, das Team für Kinder zwischen acht und 13, waren der Anfang. Drei weitere kamen dazu. Auch während Corona verzeichnete man Zulauf. Und mittlerweile steht da eine Abteilung mit vier Teams, mehreren Trainern, eigenem Farbdesign und natürlich eigenem Namen: GalaxyCheer.
Der Name prangt auf den Outfits, die die MilkyWays, die an diesem Freitag trainieren, tragen. Ein paar einfache Stunts stehen nach dem Warm-up auf dem Programm. Vier Mädchen bilden immer eine Gruppe und hieven eines nach oben. Zwei stehen unten, die Bases, eines dahinter, der Backspot, und eines ist oben – der Flyer. Neumann und Trainerkollegin Nina haben ein Auge auf die Gruppen, korrigieren mal, geben Anweisungen. Als Nächstes ist der Teddy-Bear-Stunt dran.

Das jüngere Leistungsteam der Abteilung: die MilkyWays. Foto: Leon Alisch

„Die MilkyWays lieben unsere Pyramiden. Wenn es mal etwas höher geht und wenn es mal gruselig wird. Die sind danach immer stolz, wenn es klappt“, erzählt Neumann, die selbst Cheerleading betreibt und mit ihrem ehemaligen Team sogar schon bei Weltmeisterschaften war. Man lerne nie aus im Cheersport, könne immer in andere Level gehen. „Man erlebt Zusammenhalt, Disziplin, Strukturiertheit“, antwortet sie auf die Frage nach ihrer Faszination.

Cheerleading kombiniert Turnen, Akrobatik und Tanzen. Es gibt Stunts (Hebefiguren), Tumbling (Bodenturn-Elemente), Pyramiden (Stunts kombiniert) und das Cheering (Rufe), was nur Teams höherer Kategorien machen. Die Teams entwickeln eine Routine, die sie zu Musik präsentieren und die bei Wettbewerben bewertet wird.

Um den Cheersport hat sich in den vergangenen Jahren in Deutschland ein komplexes Geflecht entwickelt. Mit Meisterschaften bis auf Bundesebene, Stützpunkten und Landeskadern. Für jede Altersklasse gibt es Level, in denen die Teams starten können. In Level 0 dürfen Stunts beispielsweise nicht über Hüfthöhe gehen. „Ich finde das echt gut so, weil man so für jeden Sportler ein Level findet“, sagt Neumann.

Musik wird bei Anbieter bestellt

Cheerleading ist eine wachsende Sportart, und die Abteilung des GTC 74 ist mittendrin. Aktuell trainieren die Teams auf offene Meisterschaften im Sommer hin. Diese finden groß aufgezogen mit striktem Zeitplan, klaren Regularien und in großen Venues statt. Die Musik für die Routines wird bei Anbietern wie iCheer-Music bestellt und ist individuell zugeschnitten. Kostüme kommen von der Cheersport-Marke schlechthin: Varsity. Und die Haargummis der Kinder und Jugendlichen sind, wie Neumann erzählt, genäht von ihrer Oma.

Gut und gerne elf Stunden investiert die 23-Jährige, die Psychologie in Marburg studiert, wöchentlich für den Verein. Mitgründerin „Vivi“ ist weiterhin dabei, Unterstützung ist da. Dennoch sei das Ganze „wie ein Teilzeitjob“. Designs, Sponsoren, Anmeldungen müssen organisiert werden. „Dann kommt mal eine Lieferung mit 120 T-Shirts, die müssen auch sortiert werden“, erzählt sie.

Und dann ist da ja auch noch das Thema Halle. Die Abteilung ist schon länger auf der Suche nach Räumlichkeiten, die größer sind als jene im Bachweg oder in Wieseck, wo man ebenfalls trainiert. Man sei dort fest dran und hoffe, bald eine Halle mieten zu können. Vielleicht sogar noch in diesem Jahr.

Inklusionsprojekt

Die Abteilung des Vereins wird in diesem Jahr unter anderem mit dem integrativen Jugendsportpreis ausgezeichnet. Im vergangenen Jahr hatte man einen vierstündigen Cheerleading-Workshop für Menschen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen am „100-Hände-Wochenende“ angeboten. Wie Neumann sagt, möchte man Projekte ähnlicher Art in Zukunft aufrechterhalten und gegebenenfalls ein Inklusionsteam gründen.